Was ist Vorlesen für Kinder wirklich – und was ist es nicht

Vorlesen bedeutet, einen Text vor einem oder mehreren Menschen lebendig werden zu lassen. Das kann zuhause gemütlich auf dem Sofa geschehen, in der Schule vor der Klasse oder – wie in meinem Fall als Kinderbuchverlegerin – vor einem Publikum bei einer Lesung.

Doch was bedeutet Vorlesen eigentlich für Kinder? Für sie ist es weit mehr als das bloße Vortragen eines Textes. Vorlesen wird zum Gemeinschaftserlebnis, das für Kinder prägend sein kann. Es regt Gedanken an, reflektiert ihre Gefühle und fördert ihre Entwicklung. Vorlesen ist ein Grundstein für kognitive, emotionale und soziale Prozesse eines Kindes, und ist gleichzeitig doch etwas sehr Alltägliches.

Was Vorlesen für Kinder wirklich bedeutet

Vorlesen ist gemeinsame Zeit

Vorlesen bedeutet in vielen Familien „Exklusivzeit“. Gerade Kinder genießen die ungeteilte Aufmerksamkeit nach einem hektischen Tag. Dabei spielt das Alter kaum eine Rolle. Kinder spüren: Ich bin wichtig. Ich bin gemeint.

Dass Kinder dieselbe Geschichte immer wieder hören wollen, ist kein Zufall. Die Vertrautheit von immer wiederkehrenden Worten und Bildern schenkt ihnen Sicherheit und macht Vorlesen zu einem verlässlichen Ritual. Diese Erfahrung stärkt ihr Gefühl , ein wertvoller Teil im Leben des Vorlesenden zu sein.

(Foto aus Mama ist Mamagarten von Johannes Feick)

Vorlesen ist Beziehungsgestaltung

Die vertrauten Stimmen von Eltern, Großeltern oder Erzieherinnen oder Lehrerinnen schaffen einen schützenden Rahmen. Vielleicht entsteht sogar ein Gefühl von Geborgenheit, wenn gemeinsam auf dem Sofa, in der Leseecke oder abends im Bett gekuschelt wird. In solchen Momenten wächst Nähe, und Bindung entsteht oder wird vertieft. Auch der Rhythmus der Sprache und die bereits erwähnte vertraute Stimme wirken regulierend. Sie hlefen Kindern, nach einem ereignisreichen Tag innerlich zur Ruhe zu kommen.

Vorlesen als geschützter Erfahrungsraum

Kinder erleben beim Vorlesen die Gefühlswelt der Hauptfiguren ein. Sie erleben, wie die Figur wütend, ängstlich oder fröhlich ihre Abenteuer besteht. Über die Geschichte setzen sie sich indirekt mit ihren eigenen Gefühlen auseinander. Oft kommen sie dabei ins Gespräch mit dem Erwachsenen, der vorliest. Sie sprechen leichter über Situationen, in denen sie selbst Ähnliches erlebt haben. So können Kinder ihre Gefühlswelt besser einordnen. Sie fühlen sich verstanden. Kinderliteratur wird zum Spiegel der eigenen inneren Prozesse. Näher gehe ich hierauf in meinem Blogartikel Gefühle bei Kindern verstehen und richtig begleiten ein.

Vorlesen als Wortschatzexplosion

In Büchern begegnen Kindern nicht nur unterschiedliche Gefühlen, sondern auch Wörter, die sie im Alltag seltener vorkommen (z.B. eifrig, schlendern, beäugen). Ihre Wortschatztruhe füllt sich durch regelmäßiges Vorlesen stetig. Aus dieser Schatztruhe können sie später schöpfen, wenn sie eigene lebendige Geschichten erzählen. Sprache wird für sie zum Werkzeug, mit dem sie ihre Welt ausdrücken können.

Was ist Vorlesen für Kinder auf keinen Fall

Vorlesen ist kein passiver Konsum

Vorlesen ist anders als Fernsehen. Es ist ein aktiver Prozess im Gehirn. Denn das Kind erschafft sich die Bilder selbst. Kopfkino entsteht. Es bedeutet auch nicht , dass nur der Erwachsene spricht. Echtes Vorlesen lebt vom Dialog. Unterbrechungen des Kindes sind kein Störfaktor, sondern Teil des Prozesses. Gemeinsames Entdecken der Bilder gehört dazu. Vorlesen fordert inneres Mitdenken, Mitfühlen und Mitgestalten. Darin liegt seine besondere Qualität.

Vorlesen ist kein Ersatz für echte Erlebnisse

Hier möchte ich eine eigene Erfahrung teilen: Als meine jüngste Tochter in der zweiten oder dritten Klasse den Apfel als Unterrichtsthema durchnahm, brachte sie einige Arbeitsblätter zum Ausfüllen mit nach Hause. Außerdem eine Geschichte über einen Wurm im Apfel sowie einen Elternbrief mit der Bitte, am nächsten Tag einen Apfel mit in die Schule zu geben, weil ein Apfelkuchen gebacken werden sollte. Ein Ausflug auf eine Obstwiese war jedoch nicht geplant. Für viele Kinder blieb es damit theoretisches Wissen.

Ein Buch oder eine Geschichte über eine Obstwiese ersetzt nicht das Erleben auf einer Obstwiese mit all ihren Apfelbäumen, Insekten und dem Fallobst. Es ergänzt. Geschichten eröffnen innere Bilder. Doch sie ersetzen nicht das eigene Erfahren mit allen Sinnen. Manche Bücher greifen diesen Gedanken bewusst auf. Ein Familienbuch wie Paula, die kleine Kräuterhexe verbindet Geschichte mit konkreten Anregungen, selbst aktiv zu werden. Solche Bücher können Kinder ermutigen, das Gelesene in die eigene Lebenswelt zu übertragen – draußen zu entdecken, auszuprobieren und zu erleben.

Vorlesen ist kein Pflichtprogramm

Wenn ein Kind keine Lust auf vorlesen hat oder mitten in der Geschichte aufspringt, bedeutet das nicht, dass der Vorlesende darauf bestehen muss, das Buch bis zum Ende „durchzuziehen“. Vorlesen ist kein Werkzeug, um Kinder ruhigzustellen oder zum Funktionieren zu bringen. Die Freude an der gemeinsamen Zeit steht immer über den Abschluss der Geschichte.

Vorlesen ist ideal, wenn Kinder einfach Kind sein dürfen

Vorlesen bedeutet für Kinder Nähe, Sicherheit und innere Bilder. Es eröffnet Erfahrungsräume, ohne echte Erlebnisse zu ersetzen. Es erweitert Sprache, ohne ein Training zu sein. Und es schenkt gemeinsame Zeit, ohne Leistungsdruck oder Pflichtgefühl aufkommen zu lassen. Für Kinder ist Vorlesen kein Werkzeug. Es ist ein Ritual bei dem sie zuhören, fragen, abschweifen, lachen, mitdenken oder einfach nur da sein dürfen. Vielleicht ist genau das der größte Wert. Beim Vorlesen muss niemand etwas leisten. Kinder dürfen in ihrem Tempo, mit ihren Gedanken und ihrer Fantasie eintauchen.

Wenn du (Bilder)Bücher suchst, die sich zum Vorlesen eignen und Kinder ernst nehmen, findest du im KiWaBu-Verlag eine bewusst zusammengestellte Auswahl.

Kleine Impulse für gelingende Vorlesemomente

Atmosphäre schaffen: Wähle einen gemütlichen Ort ohne Ablenkung durch digitale Medien. Ein klarer Rahmen hilft Kindern, sich auf die Geschichte einzulassen.

Blickkontakt & Nähe: Suche in Pausen den Blickkontakt und bleibe in körperlicher Nähe. Deine Präsenz ist oft wichtiger als jedes Wort.

Partizipation ermöglichen: Lass dein Kind das Buch mit aussuchen und mitbestimmen, wie lange oder wie oft eine Geschichte gelesen wird. Wiederholungen geben Sicherheit.

Unterbrechungen wertschätzen: Sieh Fragen oder Kommentare des Kindes nicht als Störung, sondern als Einladung zum Dialog. Genau hier entsteht Bindung.

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